Kleine Ökonomie der Zeitumstellung: Bisschen Licht, viel Schatten

Posted by: on Mrz 28, 2014 | No Comments

Deutschland im Frühling 2014: In der Nacht zum letzten Sonntag wiederholte sich ein wohlbekanntes Ritual. Die Zeit verließ auf politischen Wunsch ihre stetige Bahn, die Uhren wurden um eine Stunde vorgestellt. Dank langjähriger Erfahrung erfolgt die Umstellung zunächst gewohnt geschäftsmäßig; ein Volksaufstand bleibt aus. Doch am heutigen Morgen folgte für viele das böse Erwachen. Millionen Werktätige und Schulkinder haben sich missmutig aus den Laken geschält, denn statt der liebgewonnenen Frühlingssonne grüßte winterliche Dunkelheit am Fenster. Der Körper fühlt sich verschaukelt und lässt uns das während der nächsten Tage nach Kräften spüren: Von Müdigkeit, Apathie und Konzentrationsschwäche kann fast jeder während dieser Zeit berichten. Da stellt sich die Frage, welche ökonomischen Argumente heute noch für das Spiel mit der Zeit sprechen.

Zum Zeitpunkt der Einführung der regelmäßigen Zeitumstellung Anfang der 1980er Jahre war es das Argument der Energieersparnis, woraus ein volkswirtschaftlicher Nutzen abgeleitet wurde. Die Stromersparnis aus längerer Helligkeit in den Abendstunden sollte einen Mehrverbrauch in den dunklen Morgenstunden überkompensieren. Damals lag der Anteil der Beleuchtung am Gesamtenergieverbrauch der Haushalte aber auch noch höher. Die Zahl stromabhängiger Haushalts- und Kommunikationsgeräte hat sich in der Zwischenzeit multipliziert. Gleichzeitig führt der Einsatz effizienterer Leuchtmittel zu immer geringerem Energiebedarf für die Raumbeleuchtung. Am Stromkonsum der Haushalte macht sie mittlerweile einen Anteil von weniger als 20 % aus. Auswirkungen der Zeitumstellung auf den Stromverbrauch sind so, wenn überhaupt messbar, nur marginal. In der Abbildung sind beispielhaft stündliche Stromverbräuche an den Montagen vor und nach der Umstellung auf Sommerzeit in Deutschland im Jahr 2012 aufgeführt. Der Stromverbrauch in den Abendstunden (18 bis 24 Uhr) lag am 26.März bedingt durch einen schwächeren Anstieg am frühen Abend in der Tat um etwa 2,3 % niedriger als am Montag der Vorwoche. Gleichzeitig lag der Verbrauch in den Morgenstunden (6 bis 10 Uhr) aber um etwa 1,9 % höher als in der Vorwoche.

Grafik-Zeitumstellung

So lässt sich kaum von einer echten Ersparnis reden, vor allem wenn man den vorübergehenden Mehrbedarf an Wärmeenergie in den Morgenstunden gegenrechnet. Und auch wenn der Klimawandel uns irgendwann dauerhaft heiße Frühlingstage bescheren sollte, ist kaum mit positiven Effekten zu rechnen: Eine Studie der University of California identifiziert für die USA einen Anstieg des Energiehungers durch Einführung der Sommerzeit als Folge des Mehrverbrauchs von Klimaanlagen.

Unabhängig vom Energieverbrauch sind die biologischen und psychologischen Aspekte als ernstzunehmende Faktoren in die Rechnung einzubeziehen. Der Eingriff in die innere Uhr des Menschen hat über das individuelle Wohlbefinden hinaus Konsequenzen für die Volkswirtschaft. Gerät der Schlaf-Wach-Rhythmus durcheinander, kann es Wochen dauern, bis der Körper sich angepasst hat. Untersuchungen wie die Chronobiologie-Studie der LMU München zeigen, dass es während dieser Zeit zu einer Häufung depressiver Stimmungen und Antriebslosigkeit kommt. Geringere Produktivität und Kreativität der Arbeitnehmer ziehen so höchstwahrscheinlich auch die Wirtschaft in Mitleidenschaft, auch wenn solche Effekte naturgemäß schwer zu quantifizieren sind. Als unmittelbarer Hinweis wird dagegen häufig die in der Regel um etwa 20 % höhere Zahl an Verkehrsunfällen im April im Vergleich zum Vormonat genannt. Mediziner sprechen zudem sogar von einem generell höheren Herzinfarktrisiko während der Umstellungsphase. Und schließlich ist es auch der Biorhythmus der Nutztiere, dessen Störung ökonomische Konsequenzen haben kann. So können Auswirkungen wie ein Rückgang der Melkleistung bei Kühen die Produktivität der Landwirtschaft temporär belasten.

Warum hält die Politik trotz dieser nicht zu leugnenden Nachteile immer noch an der Regelung fest? Die Ursache liegt wie in so vielen anderen Bereichen in der internationalen Vernetzung begründet. Seit 1996 ist die Zeitumstellung innerhalb der EU einheitlich geregelt. Deutschland allein kann hier nicht ausscheren. Nicht nur aus europäischer Solidarität, sondern auch weil es zusätzliche Transaktionskosten für den europäischen Binnenhandel mit sich bringen würde. Eine Abschaffung muss also die Form einer EU-weiten Einigung annehmen, was entsprechende Koordinations- und Verhandlungskosten voraussetzt. Kosten, die bei einem vermeintlichen Randthema gerade vor dem Berg aktueller Probleme auf europäischer Ebene als zu hoch angesehen werden. So wird uns Europa wohl noch auf längere Zeit mehr als nur sprichwörtlich um den Schlaf bringen.