Sommerzeit? Festivalzeit!

Posted by: on Jul 3, 2014 | No Comments

Posted by: Nils Matthiesen, Dörte Nitt-Drießelmann, Jan Wedemeier

Das aktuelle HWWI/Berenberg-Kulturstädteranking ergänzt Indikatoren, um das Kulturgeschehen in den 30 größten Städten umfassender abzubilden

Was ist Kultur? Welche kulturellen Angebote gibt es und welche frage ich nach? Für 14 bis 19-Jährige fällt die Antwort auf diese Fragen eindeutig aus. Für sie ist der Besuch von Rock- und Pop-Konzerten sowie Festivals die beliebteste kulturelle Veranstaltungsart. 68 Prozent der Befragten in dieser Altersgruppe geben an, in den letzten 12 Monaten ein Konzert oder ein Festival besucht zu haben. Bei den 20- bis 25-Jährigen nimmt der Anteil der Besucher sogar zu und steigt auf 74 Prozent. Die meisten Musikveranstaltungen finden im städtischen Raum statt, jedoch sind viele kulturell Interessierte – auch Großstädter – bereit, weite Wege auf sich zu nehmen, um zum Beispiel im niedersächsischen Scheeßel beim Hurricane oder im schleswig-holsteinischen Wacken bei einem der bekanntesten Musikgroßereignisse Deutschlands im norddeutschen Raum dabei sein zu können. Im Falle des Hurricane Festivals generieren 73.000 Besucher einen Umsatz von knapp 8 Millionen Euro. Damit gehört das Festival zu den umsatzstärksten weltweit.

Scheeßel und Wacken befinden sich in ländlichen Regionen. Auch hier können – wie im Falle dieser beiden Festivals oder des Schleswig-Holstein-Festivals für die klassische Musik – überregional bedeutende kulturelle Veranstaltungen angeboten werden. Auch kulturelle Infrastruktur wie Musikschulen oder Bibliotheken stehen für die Bewohner im ländlichen Raum in der Regel bereit. Jedoch ist das kulturelle Angebot begrenzt. In Deutschland findet „Kultur“ in ihrer ganzen Vielfalt, Tiefe und Breite überwiegend in Städten statt – und dort insbesondere in den großen Städten.

Die Kulturwirtschaft hat sich in deutschen Städten zu einem bedeutenden ökonomischen Faktor entwickelt. So arbeiten derzeit schon mehr als fünf Prozent aller Beschäftigten der vier deutschen Millionenstädte  - Berlin (5,1 Prozent), Hamburg (5,4 Prozent), München (6,5 Prozent) und Köln (6,4 Prozent) –  in diesem Wirtschaftszweig. In Stuttgart sind es sogar fast 7,5 Prozent der Beschäftigten. Die Kulturwirtschaft, und damit auch die Festivalgewerbe, ist ein expandierender Wirtschaftszweig und bedeutender Impulsgeber für die Dynamik einer Stadt. In Städten wird Kultur erlebt wie auch gelebt. Dabei zieht „Kultur“ vor allem hochqualifizierte und kreative Menschen an. Attraktivität und Vielfalt der kulturellen Landschaft sind nicht nur wichtige Aspekte der Lebensqualität, sondern beeinflussen auch die Wohn- und Arbeitsortwahl von Menschen und damit die Position von Städten im Wettbewerb.

Kultur hat viele Facetten. Bei den „Erst- und Jungkonsumenten“ ist es vielleicht der Flötenunterricht in der Musikschule, der Besuch in der Kinderecke der Bibliothek sowieder Kino- oder Festivalbesuch, für den erfahrenen „Kulturliebhaber“ ist es das Opernabonnement oder die bedeutende Sonderausstellung im Museum.

Das HWWI hat im HWWI/Berenberg Kulturstädte-Ranking das kulturelle Angebot und die kulturelle Nachfrage für die 30 größten Städte Deutschlands beleuchtet. Untersucht wird dabei, welchen Stellenwert Kultur in den Städten einnimmt, also wie umfassend und vielfältig das kulturelle Angebot ist und wie stark es von der Bevölkerung nachgefragt wird. Das Ranking  vergleicht zahlreiche quantitativ messbare Aspekte der Kulturproduktion und -rezeption, die für alle 30 Städte vorliegen. Über die Qualität von Kultur sowie deren geschichtliche oder kulturelle Identität und Symbolik werden hingegen keine Aussagen getroffen. Bei der Kulturproduktion werden Elemente und Grundlagen betrachtet, die für die Entstehung von Kunst und Kultur erforderlich sind. Die Kulturrezeption umfasst die Aufnahme und Nachfrage des kulturellen Angebotes durch die Bewohner und Besucher der Städte. Um die Breite des Kulturbegriffs und dessen Wandel im Zeitablauf umfassender abzubilden, wurden im diesjährigen Ranking gegenüber dem Ranking des Jahres 2012 drei weitere Indikatoren in die Bewertung einbezogen. Hinzugekommen sind die „Festivalbesucher“ und „Institutionen des Kunstmarktes (Auktionshäuser/Galerien/ /Kunsthändler)“. Weiterhin wurde der „ Anteil der Unternehmen der Kulturwirtschaft an den Unternehmen insgesamt“ zusätzlich berücksichtigt, um die regionalwirtschaftliche Bedeutung der Kulturwirtschaft stärker einfließen zu lassen.

Der Städtevergleich zeigt deutliche Unterschiede bezüglich der angebotenen und gelebten Kultur in den deutschen Städten auf. Stuttgart, München, Dresden, Berlin und Bonn bilden nach 2012 auch 2014 die Top 5 im Kulturstädteranking. In den neun bestplatzierten Städten des Gesamtrankings kommt der Kulturwirtschaft auch ökonomisch eine hohe Bedeutung zu.

Stuttgart überzeugte sowohl bei der Kulturproduktion wie auch in der -rezeption mit sehr guten Ergebnissen. Stuttgart glänzt, neben dem hohen Anteil Beschäftigter in der Kulturwirtschaft, mit einer großen Zahl an Theaterplätzen, einer guten Ausstattung ihrer Bibliotheken und Top-Platzierungen im Hinblick auf Theater- und Opernbesucher. München konnte sich im Ranking um einen Platz auf Rang zwei verbessern. Die bayerische Metropole ist im Städtevergleich führend in der Kulturrezeption. Das zeigt sich vor allem in der hohen Zahl der Festivalbesucher, Galerien, und Bibliotheksnutzer. Bei den Anteilen der Beschäftigten sowie der Unternehmen der Kulturwirtschaft konnte München einen zweiten Platz im Städtevergleich erringen. München ist die einzige Stadt unter den Top 5, die in der Kulturproduktion kein ähnlich gutes Resultat wie in der Kulturrezeption erzielt. Hier fällt die bayrische Metropole auf Rang 7 zurück. Dresden zeichnet sich im Städtevergleich wieder als „Museumsstadt“ aus und weist viele Theater und Opernbesucher auf.

Kulturell vielseitige Städte ziehen Künstler an. Sie konzentrieren sich vor allem in deutschen Millionenstädten. Berlin hat mit fast 62.000 Beschäftigten in der Kulturwirtschaft und mehr als 35.000 Künstlern die höchste Künstlerdichte, gefolgt von Köln, München und Hamburg. Berlin liegt auch bei dem Anteil der Unternehmen in der Kulturwirtschaft an der Spitze, vor München, Köln, Stuttgart und Hamburg.  Die Hauptstadt konnte im Städtevergleich vor allem in der Kulturproduktion das beste Ergebnis erzielen. Aufsteiger des Kulturstädtevergleichs sind Köln und Düsseldorf. Auch Hamburg konnte  zwei Plätze gut machen und liegt jetzt auf Rang sieben.

Dabei ist die Hansestadt Hamburg auch bei den Festivals gut aufgestellt. Bei den absoluten Besucherzahlen erreicht sie nach München, der unangefochtenen deutschen Festivalhauptstadt, Bochum und Berlin den vierten Rang. Wenn es um die Anzahl der Festivals geht, muss sich die Hansestadt nur der Hauptstadt geschlagen geben und verweist die bayrische Festivalmetropole auf Platz 3. Bezieht man die Festivalbesucher auf die Einwohnerzahl landet jedoch Bochum auf Platz 1, München einen Platz dahinter, Hamburg auf dem 9. und Berlin auf dem 16. Rang.

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Das vollständige Kulturstädteranking 2014 finden Sie hier.