Work-Life-Balance: Eine Frage der Perspektive

Posted by: on Jul 29, 2014 | No Comments

Work-Life Balance, Vereinbarkeit, Frauenquote: Die Geschlechterdebatte in Deutschland ist bestimmt vom Denken in Verhältnisanteilen. Als ein – mehr oder weniger unreflektiertes – Ziel unseres alltäglichen Bemühens, hat sich dabei ein Balance-Zustand etabliert, der über einen in Zeiteinheiten bemessenen Ausgleich definiert ist: Ein bisschen Familie (aber nicht zu viel), ein bisschen Karriere (nicht zu viel). Zudem ein bisschen Freizeit, Sport, Kultur, Freunde oder Ehrenamt, je nach Gusto. Doch ist „Balance“ wirklich das Resultat von „ein bisschen von allem“?

Role models – Vorbilder für Frauen

Auf der Makroebene hat das Streben nach mehr Ausgewogenheit eine andere Bedeutung als auf individueller Ebene. Frauen stellen etwas mehr (rund 51%), Männer etwas weniger (rund 49 %) der deutschen Bevölkerung dar. Geht man von einer Normalverteilung der Führungstalente aus, kommt es einer großen volkswirtschaftlichen Ressourcenverschwendung gleich, wenn, wie derzeit der Fall, Frauen nur rund 17 % der Aufsichtsrats- und nur rund 6 % der Vorstandsposten besetzen. Politische Maßnahmen, die helfen, geschlechterspezifische Barrieren aus dem Weg zu räumen – und sei es, indem durch verbindliche Einführung einer Frauenquote tausendfach weibliche ‚role models‘ geschaffen werden, die andere Frauen darin ermutigen, dass es geht – sind angesichts der jahrelangen Stagnation bei diesem Thema folgerichtig. Auch die Tatsache, dass Frauen hierzulande im Durchschnitt 22 % weniger als Männer verdienen, lässt sich schwerlich als naturgegeben einordnen. Ähnlich verhält es sich mit dem Umstand, dass in einigen Bundesländern unter 2% der Erzieher/innen männlich sind (der bundesweite Spitzenwert wird mit 9,6 % von Bremen gehalten): Interessieren sich wirklich so wenige junge Männer für die Arbeit mit Vorschulkindern? Die genannten drei Beispiele sind nur eine kleine Auswahl aus einer Vielfalt geschlechterstruktureller Auffälligkeiten in Deutschland. Nicht die Unterschiedlichkeit selbst ist dabei der Stein des wissenschaftlichen Anstoßes: das Ausmaß der Unterschiede ist es, das die Neugier entfacht.

Die richtige Mischung macht es aus

Als Ursachen gesellen sich Geschlechterstereotype in der Berufsorientierung, bei den Familienrollen und in der Erwerbstätigkeit zu vielfach nach wie vor qualitativ und quantitativ unzulänglichen Betreuungsinfrastrukturen sowie monetären Anreizen des Steuer- und Sozialsystems, die die weibliche Zuverdienerrolle (kurzfristig) attraktiv erscheinen lassen. Der im europäischen Vergleich so oft erkennbare deutsche Sonderweg wirft zu Recht die Frage auf, ob hier tatsächlich originäre Präferenzen der Bevölkerung oder nicht vielmehr (auch) strukturelle Hemmnisse ursächlich sind, die beseitigt werden müssten. Dies mit dem Ziel, ein bisschen mehr Geschlechtergleichheit in den Ergebnissen, vor allem aber in den Chancen zu erreichen. Die gesamtgesellschaftlichen Resultate ließen sich im Groben wie folgt skizzieren: Ein bisschen mehr Familie für den durchschnittlichen Mann, ein bisschen mehr Beruf für die durchschnittliche Frau.

Eine Frage der individuellen Definition?

So sehr der Weg zu einer Annäherung der Geschlechter bei den großen Lebensbereichen Beruf und Familie auf der Makroebene willkommen ist, so sehr ist auf der Mikroebene für die Freiheit zur Vielfalt zu plädieren. Was für einige gut und richtig ist, muss nicht für alle gelten. Nicht alle Hausfrauen wollen eine Führungsposition bekleiden, und nicht alle Führungsfrauen wollen auf Teilzeit reduzieren. Nicht alle Männer wollen 32 Stunden pro Woche arbeiten. Auf individueller Ebene stellt sich die Frage nach dem Wortsinn von „Balance“ in anderer Form. Soll Balance individuell erstrebenswert sein, muss sie mit höherem Wohlbefinden und Zufriedenheit einhergehen, sprich: sich gut anfühlen. Wo steht geschrieben, dass Wohlbefinden per se durch „ein bisschen von allem“ entsteht? Kann nicht gerade in der Fokussierung, der Beschränkung die Quelle von Zufriedenheit und Glück liegen, die sich aus der simplen Einsicht speist, dass man/frau etwas tut, das er/sie leidenschaftlich gern tut? Ist nicht auch dies ein Aspekt von Lebenskunst, der Kindern Vorbild sein kann? Und umgekehrt, überspitzt formuliert: Ist der Vereinbarkeitswahn nicht bloß ein Ausdruck von Zeitillusion und fehlendem Mut zur Prioritätensetzung?

Dieser Beitrag erschien am 29. Juli 2014 auf ATKearney 361°.